Reisebericht (an Bord der Khersones)


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Reise an Bord der

Khersones

von Amsterdam nach Island

und von Island nach Wilhelmshaven

vom 21.5.1994 bis 17.6.1994


 

21.5.

Fahrt von Darmstadt -> Köln ist o.k. Köln -> Amsterdam. Nette Unterhaltung mit einer Frau die vom Bodensee kommt, jetzt aber in Arnheim arbeitet. Sie ist im letzten Jahr mit ihrem Vater über den Atlantik gesegelt. Ab der Grenze gießt es in Strömen. Im Amsterdam lässt der Regen dann etwas nach. Mit dem Taxi fahre ich zum Schiffs - ich habe es schon vom Zug aus gesehen. Die Khersones sieht riesig groß aus. An Bord gibt es Probleme mit der Kabinenverteilung. Eine 8er Gruppe meint, ihre 12er Kabine sei schon vollbelegt - Auch gut, also lande ich mit 3 anderen Trainees in einer 11er Kabine. Wir haben nun mehr Platz als wir brauchen. Und in die andere Kabine kommen auch noch zwei Nachzügler. Am Nachmittag bin ich mit Moses, einem Trainee, 2,5 Stunden in Amsterdam unterwegs. Um 18 Uhr gibt es Abendessen. Rotkrautsuppe mit Knofel, süßen Saft und Kartoffelbrei mit einer Wurst. Jetzt ist es 20,45h und ich schreibe das erste Mal. Bis 21.45h auf Deck, mit diversen Leuten geredet.

 

22.5.

7.00 Uhr Wecken, 8.15 Uhr Frühstück. 2 Spiegeleier, Brot, Tee. Um 8.30 Uhr laufen wir aus. Auf der Amstel setzen wir die ersten Segel. Um 11.00 Uhr erreichen wir die Schleuse zur Nordsee. Im Unterrichtsraum erhalten wir eine Einweisung in das Sicherheits- und Rettungssystem des Schiffes. Diese Dinge macht Ute, unsere Verbindungsoffizierin. Sie ist Deutsche und von Beruf Seehandelskauffrau. Kurz hinter der Schleuse geht es gleich richtig rund - eher auf und ab. Westwind mit Stärke 7 und ganz ordentliche Wellen begrüßen uns. Unter Sturmsegeln Stufe l laufen wir bis zu 13 Knoten. Später erfahren wir, dass wir in 10 Stunden 150 Seemeilen zurückgelegt haben. Jetzt wird auch dem Letzten klar, worauf er sich da eingelassen hat. Wir müssen bei der Segelarbeit ordentlich mitarbeiten. Von 200 Kojen sind nur 106 wie folgt belegt: 46 Mann Stammbesatzung, als da wären, Kapitän, Offiziere, Matrosen, Bootsleute und Küchenpersonal, 38 Kadetten des Fischereiministeriums in Kerch und wir 22 Trainees. Es sind sowenig Leute an Bord, dass keine Segelwache möglich ist. Wenn Segelmanöver anstehen, heißt es "parusni avral", was soviel heißt wie Segelmanöver alle Hände an Deck. Beim Mittagessen - es gibt eine gute undefinierbare Suppe und Graupen mit Fleisch - sind noch 15 Mann auf den Beinen. Um 15.15 Uhr sind es nur noch 6. Viele Grüße von der Seekrankheit. So richtig schlecht geht es zwar keinem, aber die meisten haben doch ein mulmiges Gefühl im Magen. Es wird ein ruhiger Nachmittag. Der Wind flaut ab und es werden immer mehr Segel gesetzt. Um 16.00 Uhr gibt es Tee mit frischgebackenem Weißbrot und Auberginenpaste, um 20.15 Uhr Abendbrot. Die übliche Suppe und anschließend Nudeln mit Thunfisch. Danach bis 22.00 Uhr Klönen in der Bar.

 

23.5

Sehr wenig Wind. Frühstück mit fettem Speck, Butterschmalz, Brot und Tee. Es wird neblig. Da der Wind weiter nachlässt, setzen wir alle Segel. Schneller werden wir dadurch auch nicht. Den ganzen Vormittag wird Deck geschrubbt. Anatoli, unser Bootsmann vom Großmast, lädt uns erst mal in seine Kabine zu einem Drink, - Kaffee und Vodka, - ein. Das ist ukrainische Arbeitsauffassung oder eben Höflichkeit. Zum Mittagessen gibt es Kartoffeln mit etwas zerkochtem Fleisch. Es ist Flaute und das Wetter ist grau in grau. Reinhardt, der Österreicher aus unserer Kabine, sieht das positiv. Er meint, wir hätten doch einen strahlend grauen Himmel und schließlich regnet es ja auch nicht. Um 17.00 Uhr werden alle Segel geborgen. Unter Motor geht es weiter nach Norden. Zum Abendbrot gibt es Nudeln mit einem Hackfleischklops. Danach sehen wir uns einen Videofilm von einem Besatzungsmitglied über das Kolumbusrace 1992 an. Danach klönen wir in der Bar bis 23.00 Uhr.

 

24.5

7.00 Uhr Wecken. 7.10 Uhr Segelalarm. Wider Erwarten ist ein bisschen Wind aufgekommen. Wir setzen alle Segel (22 Stück), Wind 5 aus Nordost, wir segeln hart am Wind, d.h. wir machen wenig Fahrt und haben eine große Abdrift. Zum Frühstück gibt es Brot, Butter und sogar etwas Marmelade. Heute Vormittag wird das Schiff innen geputzt. Um 10.00 Uhr haben wir Unterricht. Thema sind die Segel, Schoten, Geitaue und Gordinge zur Bedienung. Danach folgen noch einige russische Befehle. Zu Mittag gibt es Reis, Fleisch und Salat. Am Nachmittag flechten wir mit den Kadetten meterlange Zöpfe. Keiner weiß eigentlich wofür. 3 Stunden später - aus den Zöpfen werden neue Fußmatten für die Niedergänge. Zum Tee bekommen wir heute Grießbrei. Das Wetter wird langsam besser, sogar die Sonne zeigt sich ein paar Mal. Der Wind kommt weiterhin aus Nordost. Wir können mit dem Schiff nicht so hart an den Wind, wie es nötig wäre. So müssen alle Segel bis auf die Stagsegel und Klüver geborgen werden. Mit Hilfe der Maschine können wir nun härter an den Wind gehen, und gewinnen so etwas Raum nach Norden. Wir haben fast die Höhe von Aberdeen erreicht. Am Abend gemütliches Beisammensein in der Bar. Die ganze Nacht läuft die Maschine. Das führt nicht gerade zu einem erholsamen Schlaf. Der Lärm ist zwar erträglich, die Vibrationen sind doch sehr störend.

 

25.5

Sonne und blauer Himmel. Nach dem Frühstück Klettern in der Takelage. Besonders der Klüver hat es mir angetan. Es ist ein phantastisches Licht. Zum Mittagessen gibt es Suppe, kaltes Fleisch, Kartoffelbrei und Salat. Danach liegen wir auf der Back und sonnen uns. Im Wind sind es zwar nur 10° Celsius, in der Sonne und im Windschatten hat es aber bestimmt 25°. Hier kann man sogar in der Badehose liegen. Zum Tee gibt es 3 frischgebackene Brötchen mit Marmelade. Danach Segelmanöver. Wir ändern den Kurs von 280° auf 30°. Die Orkney Inseln liegen querab. Jetzt ist auf der Back wieder Sonne, und wir können dort wieder faulenzen. Um 19.45 Uhr taucht die Insel auf, die genau zwischen den Orkneys und Shetlands liegt; das ist unser Wendepunkt. Wir fallen auf Westkurs ab und setzen alle Segel. Endlich ist die Maschine aus. Wir haben starke Strömung gegen uns. Das Schiff läuft zwischen 6 und 7 Knoten, aber die Fahrt über Grund beträgt nur 1.5 Knoten. Gegen 00.30 Uhr haben wir die Strömung überwunden und befinden uns nun am Übergang zum Atlantik.

 

26.5

Die Nacht hindurch sind wir mit bis zu 9 Knoten nach Westen gelaufen. Vormittags Beschäftigungstherapie: Zöpfe flechten und daraus dann Fußmatten herstellen. Es ist kalt und ungemütlich, der Wind kommt ziemlich ungleichmäßig aus Nordost. Wir machen zwischen 4 und 9 Knoten Fahrt. Zu Mittag gibt es Reis mit etwas Fleisch. Am Nachmittag kommt zeitweise die Sonne durch, der Wind ist dafür sehr schwach. Damit wir ihn überhaupt noch nutzen können, fallen wir auf 270° ab. So treffen wir nicht mal Grönland, na ja Neufundland ist ja vielleicht auch ganz interessant. Am Nachmittag haben wir Knotenunterricht bei Ute - sehr lustig. Um 16.30 Uhr Begegnung mit einem Fischereischutzboot oder auch Walfänger. Die Meinungen darüber gehen auseinander. Seit dem Morgen sitzt auf dem Achterdeck ein Baßtölpel, er ist müde und freut sich über die kostenlose und kraftsparende Beförderung. Wir taufen ihn Boris. Später sehen wir auch noch einen kleinen Wal. Die Atlantikdünung wiegt unser Schiff, der Wind hat nachgelassen, und wir laufen noch 4 Knoten. Nach dem Abendessen ,(Hackfleisch gefüllte Eierkuchen), Klönen in der Bar. Um 23.00 Uhr gibt es ein Segelmanöver. Der Wind ist fast ganz eingeschlafen und wir bergen alle Segel. Die Nacht über geht es unter Maschine weiter nach Island. Um 23.25 Uhr wunderschöner Sonnenuntergang.

 

27.5.

Ein Blick aus dem Bullauge zeigt, dass nun gar kein Wind mehr weht. Die See ist glatt wie ein Spiegel. Leichter Nieselregen. Ab 9.00 Uhr wird das Wetter sehr schnell besser. Die Sonne kommt durch, es bilden sich phantastische Wolkenformationen. Es herrscht ein unbeschreibliches Wetter und vor allem ein Licht!! In einiger Entfernung passiert uns eine Schule Wale. Der Wind frischt leicht auf, genau aus West, und zum Segeln zu wenig. Wenn wir segeln würden, würde man es als das bekannte Blauwassersegeln bezeichnen. Nach dem Mittagessen liegen wir mal wieder auf der Back und fühlen uns wie im Mittelmeer. Die Luft hat 11° Celsius, in der Sonne sind es bestimmt 25°. Vor dem Mittagessen gab es noch eine Einweisung in die Benutzung der Überlebensanzüge. Man höre und staune, wir haben 200 Stück davon an Bord. Jetzt geht jeder seiner Nachmittagsarbeit nach lesen, Knoten üben, Matten flechten, Belegnägel streichen oder einfach nur faulenzen. Ich versuche mich im Wantenklettern, aber das Schiff rollt so, dass ich es gleich wieder aufgebe. Nach dem Kaffee, es gab frische Kreppel, gibt es ein Segelmanöver, wir setzen alle Klüver- und Stagsegel. Der Kurs ist nun 350° Grad nach Norden. Wir machen zwischen 8 und 9 Knoten Fahrt. Bis zum Abendessen genießen wir die Ruhe und lesen an Deck. Später kommt ein saukalter Nordwind auf, wir flüchten in die Kojen. Nach dem Abendessen das Übliche.... 23.15 Uhr Bettruhe. Die Sonne steht noch hoch am Himmel.

 

28.5.

7.00 Uhr Wecken, 8.00 Uhr Frühstück. Graues Wetter. Wir laufen unter Maschine und Stagsegel Kurs West. Es ist kühl und unfreundlich. Wir sind auf Höhe des Ostendes von Island, aber 250 sm südlich. Vormittags nichts getan. Einmal in den Bugspriet geklettert, dann Mittagessen. Anschließend Besuch beim Segelmacher, er zeigt uns ein Stück Segel von der Sedov, aus dem Jahr 1939. Wir haben eine Idee. Der Segelmacher könnte uns doch ein paar Seesäcke nähen. Wir versuchen das Problem erst einmal mit Anatoli zu erörtern - sehr lustig. Dann Problem gelöst, Anatoli und der Segelmacher wissen, was wir wollen. Aber da taucht ein neues Problem auf. An Bord gibt es weder Segeltuch noch Garn. Wir müssen es in Reykjavik erst kaufen. Nach dem Abendessen erfahren wir von Ute, dass die Kadetten in Island nicht von Bord gehen können mangels Geldes. Um diesem Umstand abzuhelfen, spendet jeder von uns - insgesamt 1100.- DM. Davon werden wir einen Bus chartern und den Kadetten etwas von Island zeigen.

 

29.5.

Heute nacht wurden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt, somit haben wir eine Stunde mehr Schlaf. Um 7.00 Uhr Wecken, 7.15 Uhr Segelalarm, so ein Mist! Naja, dann segeln wir wenigstens wieder! Von wegen: Die Rahen werden gebraßt- und das war's. So bekommt man die Leute wach. Danach Waschen und Frühstück. Irgendwann im Laufe des Vormittags geht das Gerücht um, es werde Sturm aufkommen - nicht übel, da Wind bisher Mangelware war. Gegen 11.00 Uhr Fototermin mit Astrid auf der Backbordnock. Ein Brecher duscht uns, beide sind wir nass bis auf die Haut. Aber das Schlimme ist, dass Astrid gerade ein Objektiv wechseln wollte. Nun ist ihre Kameraausrüstung völlig nass. Den ganzen Nachmittag sitze ich dann bei Seegang in Saschas Kabine und schraube Objektive auseinander, säubere und trockne sie. Das Resultat sieht erfolgversprechend aus. Der Wind frischt weiter auf. Inzwischen laufen wir mit Sturmsegeln Stufe 2 Richtung NO. Der Wind wird zum Sturm, etwa 15 m/s Windgeschwindigkeit, hört sich nicht viel an, ist aber gewaltig. Das Schiff krängt bis zu 40° nach Steuerbord. Um 18.00 Uhr werden die Segel auf Sturmsegelstufe l gerefft. An Bord sind Manntaue gespannt, und das ganze Deck ist nass von Gischt. Die Mannschaft macht das Schiff sturmklar. Alle Luken werden geschlossen, die Lüfter zugemacht und die Boote verzurrt. Die Bullaugen sind schon lange zu, jetzt werden sie auch noch mit den innenliegenden Stahldeckeln verschraubt; man hat keine Sicht mehr nach draußen. Nun dürfen wir nicht mehr an Deck. Die einzigen zwei offenen Fenster sind die im Kartenhaus. Inzwischen gehen Brecher über das ganze Deck. Im Schiff ist es warm, fast heiß und die Luft stickig. Das Abendessen gerät zum Akrobatenakt. Auf den Tischen liegen nasse Leinentücher, sie sollen verhindern, dass das Blechgeschirr (sonst Porzellan) ins Rutschen gerät. Bis auf Ausnahmen klappt das auch. Nur ein paar Tassen und eine Saftkanne halten sich nicht daran. Nach dem Abendessen klönen wir in der Bar, später bin ich mit Öhrchen noch fast eine Stunde im Kartenhaus. Wir schauen fasziniert den Brechern zu. (Erläuterung zu Öhrchen: Sie heißt Ursula, Kurzform Uschi und das russische Wort "uschi" heißt im Deutschen kleines Ohr oder eben Öhrchen ) . Eine neue Sturmwarnung wird durchgegeben: 45 m/s Wind, d.h. 162 km/h - ab 115 km/h ist Windstärke 12 und alles darüber Orkan. Heitere Aussichten. Unser Kapitän hofft, mit Segeln und gleichzeitiger Maschine der Gefahr zu entgehen - aber bis Reykjavik sind es noch fast 200 sm. Es ist 23.30 Uhr. Die kommende Nacht wird wohl sehr unruhig und warm werden. Die Bar hat inzwischen auch wegen Sturms geschlossen. Es bleibt einfach nichts mehr stehen, sogar Vodkagläser fallen auf den Tischen um.

 

30.5

Bis 2.30 Uhr haben wir noch in der Sitzecke vor den Offizierskabinen gesessen. Vodka und "Panzerplatten" waren das Beiwerk zu dieser "Party". Es schaukelt so, dass keiner ins Bett möchte. Am Ende siegt doch die Müdigkeit. Doch die Nacht wird sehr unangenehm, es kracht und knistert im ganzen Schiff. Außerdem muss man aufpassen, nicht aus der Koje zu fallen. Einigen von uns ist das passiert. Einer fiel sogar aus der oberen Koje; verletzt hat er sich zum Glück nicht. Auch nach dieser Nacht ist um 7.00 Uhr Wecken. Waschen fällt aus, denn im Waschraum kann man sich, zumal die Fliesen auch noch feucht sind, nicht auf den Beinen halten. Das Frühstück besteht aus Tee und trockenem Brot. Jeder muss es sich selbst aus der Kombüse holen. Die Windgeschwindigkeit beträgt jetzt 25 m/s. Aber das Wetter ist besser, ab und zu kommt die Sonne durch. Später ist der Himmel fast blau. Die Wellen sind jetzt" haushoch", von der Brücke aus gesehen, die sie überragen, schätzen wir sie auf 8-12 Meter. Kurz nach dem Frühstück fliegt uns ein Stagsegel weg, später zerreißen auch noch zwei Marssegel. Die Reste werden geborgen. Ich stehe mit Moses auf der Luvseite der Brücke und genieße den Ausblick. Wir werden zwar ordentlich geduscht, aber das Ölzeug ist dicht. Nur mit dem Fotografieren ist essig. Gegen 10.00 Uhr wird ein Segelmanöver angesetzt. Es muss etwas gebraßt werden, da wir nach Norden abfallen, um somit an die Westseite von Island zu kommen. Ich stehe an der Steuerbordseite der Brücke, um Fotos von der Arbeit im Sturm zu machen. Plötzlich schreien mehrere Stimmen etwas Unverständliches. Sekunden später eine deutliche Stimme " Mann über Bord". Während des Brassens sind die Kadetten, die an einer Schot des Großsegels zogen, infolge der Schräglage (40°) ausgerutscht. Der letzte Mann ist dann an einem mit Ketten "gesicherten" Durchgang durch die Reling außenbords gegangen. Schnell bekommt er von der Back einen Rettungsring zugeworfen. Großes Glück! Der Kadett bekommt den Ring zu fassen. Das Schiff läuft mit 8,4 Knoten von dem Mann weg. Bis die Untermarssegel und die Stagsegel geborgen sind, ist er von Deck aus nicht mehr zu sehen. Die Wellenhöhe beträgt bis zu 12 Meter, die Windgeschwindigkeit 20 m/s. Unter Maschine wendet der Kapitän das Schiff, es läuft zurück. Und tatsächlich! Der Kadett kommt nach kurzer Zeit in Sicht. Nach einigen Versuchen gelingt es, ihm einen Rettungsring mit Leine zuzuwerfen. Er kann sogar noch umsteigen und die Rettungsleine befestigen. Nach kurzer Zeit ziehen ihn zwei Kameraden mitschiffs über die Jakobsleiter an Bord. 14 Minuten war er im 8° kalten Wasser. Er ist unterkühlt, aber sonst unverletzt. Eine Stunde später kommt aus der Krankenstation die Meldung, dass er es geschafft hat. Da übrigens keine warmen Decken an Bord waren, stellten Moses und ich unsere Schlafsäcke zur Verfügung. Kurze Zeit später fordert der Sturm seinen nächsten Tribut. Bei der Arbeit an Deck stürzt Anatoli, unser Bootsmann vom Großmast, in die Nagelbank und kugelt sich seine Schulter aus. Möglicherweise ist auch etwas gebrochen, aber das können wir an Bord nicht überprüfen, er muss bis Reykjavik warten. Nachmittags laufen wir unter Maschine nach Norden (290°). Auf dem Backdeck hinter der Brücke ist es sonnig und trocken. Dort halten wir uns auf. Die Geschwindigkeit beträgt nur noch 2-3 Knoten, da trotz Umpumpens von Ballast die Schiffsschraube immer wieder aus dem Wasser kommt. Das Mittagessen ist sehr abenteuerlich, Nudeln mit Fleisch. Nachmittags gefaulenzt. Wir dürfen immer noch nicht auf das Hauptdeck. Nebelhorn defekt, es geht von selbst los. Beim Abendessen ist die See wieder etwas ruhiger. Danach klönen wir in der Leseecke. Die Uhren werden eine weitere Stunde zurückgestellt. 23.00 Uhr in der Koje. Immer noch schaukelt das Schiff ganz ordentlich.

 

31.5.

Die Nacht war nicht sehr angenehm. Weiterhin laufen wir unter Maschine mit 2-3 Knoten nach Osten. Das Wetter ist schlecht. Der Wind hat auf Nordost gedreht. Es nieselt leicht. Die Kadetten machen klar Schiff, putzen und polieren für Reykjavik. Für uns ist es ein fauler Vormittag. Nach dem Mittagessen klart es auf. Dann haben wir strahlenden Sonnenschein. Ich verfotografiere mit Astrid einen ganzen Film, um ihre gebadete und getrocknete Kamera zu überprüfen. Wir wollen den Film in Island entwickeln lassen um zu sehen, ob die Kamera einwandfrei funktioniert. Nach dem Tee stellen wir uns zum Gruppenfoto auf. Auch der 10 minütige Schiffskrimi soll noch fertig gedreht werden. Um 12.00 Uhr tauchen backbords die ersten schneebedeckten Berge Islands auf. Nach und nach kommt am Horizont immer mehr Land in Sicht. Viel davon ist verschneit. Alles noch sehr weit entfernt. Sieht aber absolut phantastisch aus. Ich sitze im Windschatten am Großmast in der Sonne und schreibe. Wir laufen an großartigen Bergkulissen vorbei in Richtung Reykjavik. 4-5 sm vor dem Hafen stoppen wir, der Kapitän will erst am nächsten Morgen in den Hafen einlaufen, wir lassen uns treiben. Den Abend verbringen wir an Deck und genießen das Panorama. Es ist sehr kalt, nur 4° Celsius.

 

1.6.

Um 6.30 Uhr aufgestanden. Gerade wurde die Maschine gestartet. Wir nehmen Kurs auf Reykjavik. Das Frühstück lassen wir ausfallen, denn wir laufen bald in den Hafen ein, und das ist interessanter. Um 9.00 Uhr machen wir fest. Bis der Zoll von Bord gegangen ist, und wir unsere Pässe wiederhaben, ist es fast 10.00 Uhr. Dann der erste Rundgang durch die Stadt. Sie ist nicht schön, eigentlich sogar hässlich. Telefonieren ist nicht einfach, öffentliche Fernsprecher sind nur Münzgeräte, und Kartentelefone gibt es nur in der Post. Kurz zu Hause angerufen. Nachmittags beim Segelflicken, -bergen, und Neuanschlagen zugesehen. So etwas sieht man auch nicht alle Tage. Um 16.00 Uhr waren wir in der Stadt einkaufen (Schokolade, Obst usw.). Hier ist alles maßlos teuer. Die Sonne hat sich verzogen, ich sitze an Deck und schreibe, es ist kühl, 8°, isländische Kids laufen zum Teil mit Shorts herum. Brrr Das Schiff hier ist eine Sensation! Eine ununterbrochene Autoschlange fährt an dem Schiff entlang. Auf der einen Kaiseite hin, dann wenden und auf der anderen Seite zurück. Man kommt sich vor wie im Zoo.

 

2.6

1. Tour durch Island:

Reykjavík - Reykjanes - Grindavik - Blaue Lagune - Strandarkirkja - Porlakákshövn - Selfoss - Hvergerði - Reykjavík. Von 9.30 Uhr bis 18.45 Uhr

 

3.6

2. Tour durch Island:

Reykjavík - Álafoss - Heiðarbær - Pingvellir - Gullfoss - Bræðöratunga - Selfoss - Hvergerði - Reykjavík. Von 9.00 Uhr bis 20.00 Uhr

 

4.6

3. Tour durch Island:

Reykjavík - Hvalfjördur Fjord - Akranes - Borgames - Stafholt - Reykholt - Hraunfossai - Geitaberg - Hvalfjördur Fjord -Reykjavík. Von 9.15 Uhr bis 17.30 Uhr

 

5.6.

Tag des Seemanns, Hafenfest in Reykjavik. Am Vormittag haben wir der Besatzung beim Open Ship geholfen, Handzettel verteilt usw. Riesiger Besucherandrang, zeitweise eine Schlange von 80 Meter. Im Laufe des Tages treffen auch die neuen Trainees ein. Am Nachmittag fliehen wir mit drei Neuen von Bord. Es ist dort so voll, dass man sich kaum bewegen kann, und das bis 23.00 Uhr. Später waren wir noch einmal in der Stadt einen Kaffee trinken. Um 1.00 im Bett, ruhige Nacht.

 

6.6.

7.00 Uhr Wecken. Nach dem Frühstück werden die neuen Trainees vom Kapitän begrüßt. Er nennt uns, die von der Hinfahrt, die jetzt wieder zurücksegeln, seine Veteranen. Dann vormittags Stadtbummel, wir besichtigen die Hallgrimskirkja. Hier werden wir von einem großartigen Schauspiel überrascht. In der Kirche probt ein Chor mit ca. 200 Sängern plus Orchester Beethovens Neunte. Es klingt unglaublich schön, die Kirche hat eine gute Akustik. Wir verweilen solange, dass wir fast das Mittagessen an Bord verpassen. Anschließend Mittagsschläfchen. Dann Einkauf und Besuch des Café Paris. Wir feiern Abschied von Island. Morgen sollen wir gegen 8.00 Uhr auslaufen.

 

7.6.

7.00 Uhr Wecken. Kurz nach 8.00 Uhr kommt der Schlepper und wir legen ab. Ohne jegliches Aufsehen, es regnet, keine Menschenseele ist am Kai. In der Nacht hatte uns gegenüber die Bremen der Hapag festgemacht. Es weht ein leichter Nordwest Wind. Sauwetter. Um 9.00 Uhr geht der Lotse von Bord und wir verlassen unter Maschine Reykjavik. Die Stimmung an Bord ist ziemlich gereizt. Warum, weiß keiner, oder wenn, sagt niemand etwas. Unsere Kabinencrew beschließt, sich aufs Ohr zu legen. Der Landstress ist von uns abgefallen, wir sind richtig müde. Alle sechs schlafen wir bis zum Mittagessen. Danach Tee in der Bar und anschließend bei Sascha. Segelalarm! Wir sind an den Untiefen vor der Südwestecke Islands vorbei und setzen alle Segel. Nun geht es nach Südosten. Nach und nach wird Island immer kleiner. Wir beobachten einen Orca, der Tümmler jagt, und verbringen die Zeit mit Spielchen an Deck. Das Wetter ist übrigens besser geworden, es scheint zeitweise sogar die Sonne. Wir laufen 5-6 Knoten. Jetzt ist es kurz vor 19.00 Uhr, ich sitze in der Leseecke und schreibe. An Deck ist es heute dafür zu kalt. Abends klönen wir in der Bar. 23.00 Uhr im Bett. Schlecht geschlafen, das Schiff rollt bei achterlichem Wind ohne Stagsegel ganz fürchterlich.

 

8.6.

Nach dem Frühstück Deck schrubben mit Teepause bei Sascha. Mittagessen mit anschließendem Schläfchen und Lesen an Deck. Es weht ein kalter Wind, aber im Windschatten und in der Sonne ist es schön warm. Gegen Abend werden die Segel geborgen. Der Wind ist fast völlig eingeschlafen, wir dümpeln in der Atlantikdünung. Jetzt laufen wir unter Maschine nach Südosten. Am Nachmittag habe ich mit Siegfried den Maschinenraum besichtigt, sehr interessant. Nach dem Abendbrot sitzen wir in der Bar, bald flüchte ich vor dem Zigarettenqualm und schreibe in der Leseecke Tagebuch. Anatoli kommt vorbei und lädt mich in die Sauna des Schiffes ein. Bei einer Temperatur von über 100° habe ich dankend abgelehnt. Danach noch den Sonnenuntergang an Deck beobachtet.

 

9.6.

7.00 Uhr Wecken. 8.00 Uhr Frühstück, ein wunderschöner Tag, Sonne satt. Im Windschatten schön warm. Nur die Atlantikdünung macht uns einige Schwierigkeiten. Das Schiff krängt bis zu 30°, das ist so viel, dass wir beim Liegen auf Deck ins Rutschen kommen. Zu den Essenszeiten wird der Kurs auf genau Süd gegen die Wellen gelegt, die Fahrt wird verlangsamt und wir können dann ohne allzu viel Schaukeln essen. Es ist fast kein Wind mehr und wir laufen schon seit 24 Stunden unter Motor.

 

10.6.

7.00 Uhr Wecken, 7.15 Uhr Segelalarm. Alle Rahsegel werden gesetzt, Kurs Ost, wir laufen platt vor dem Wind. Der Vormittag zeigt sich grau in grau. Der Wind dreht langsam auf Südwest und nimmt zu. Kurz vor Mittag müssen wir brassen. Die Krängung nimmt zu. Nach dem Essen frischt der Wind weiter auf, und gegen 15.00 Uhr werden die Oberbramsegel gerefft. Wir laufen bis zu 11 Knoten. Dafür setzen wir Stag- und Klüversegel. Die Krängung bleibt unverändert, auch als wir vor dem Abendessen die Bramsegel bergen. Sie beträgt zwischen 25° und 30°, d.h. die Leekojen sind nicht mehr zu benutzen, ich muss umziehen. Die Leekante des Decks reicht fast bis zur Wasserlinie. Das Kaffeetrinken ist gerade noch zu bewältigen, aber beim Abendbrot sind schon akrobatische Kunststücke gefragt. Das Schiff schaukelt kaum, so ist die Krängung fast konstant. Man lebt eben mit Schlagseite.

 

11.6

Die Nacht war ruhig. Nach dem Frühstück vertreiben wir uns die Zeit mit Fenderflechten und Faulenzen an Deck. Es ist kaltes Nieselwetter und immer noch ein steifer Wind. Wir laufen mit 11 Knoten, Kurs 115°. Die Atlantikdünung verlässt uns, wir nähern uns der Nordsee. Gegen 14.00 Uhr passieren wir den Leuchtturm am nördlichsten Punkt der Orkneys mit 3 sm Abstand. Der Wind lässt nach. Wir setzen die Bram- und Stagsegel und laufen mit 7 Knoten durch die Nordsee. Nach dem Mittagessen ein Schläfchen gehalten und anschließend die Zeit mit Lesen und Unterhalten vertrieben. Das Wetter wird wärmer, der Regen hört auf. Am Abend klönen wir in der Bar.

 

12.6

7.00 Uhr Wecken, 7.10 Uhr Segelalarm! Anschließend Frühstück. Seit heute nacht sind wir in einem Ölfeld unterwegs. Bis zu 8 Bohrinseln sind gleichzeitig zu sehen. Genau während des Mittagessens ein Segelmanöver. Wir müssen einem Schleppverband ausweichen. Die Folge: kalte Nudeln. Nachmittags Klettern im Klüver und Lesen (eine Wikinger Saga, von Ulla ausgeliehen). Kurz nach dem Abendbrot wieder ein Segelmanöver (brassen). Der Wind schläft fast ein, wir laufen nur noch mit 2 Knoten. Den Abend bei Sascha verbracht.

 

13.6

7.00 Uhr Wecken, Fotografieren, anfertigen von Tauenden als Souvenir, lesen. Es ist ein phantastisches Wetter. Langsam wird es angenehm warm. Mittags ein Segelmanöver, wir ändern den Kurs auf 160°. Abends bei Sascha Dias aus seiner Heimat, der Krim, angesehen. Ein toller Abend. Seit heute wissen wir nun, was die Besatzung meint, wenn sie sagt "gutt Pinguin". Die Pinguine sind wir, die Trainees, die immerzu herumwatscheln und in Gruppen an Deck stehen.

 

14.6

7.00 Uhr Wecken, 7.05 Uhr Segelalarm. Alle Segel werden geborgen und wir ankern mitten in der Nordsee. Angeblich, damit die Kadetten ihre Prüfungen in Ruhe ablegen können. Den ganzen Tag gefaulenzt, was soll man auch anderes tun. Viele Schiffe gesehen, sie kommen zum Teil sehr nah an uns vorbei. Ich möchte nicht wissen, was sie über uns denken. Um 17.00 Uhr setzen wir wieder Segel und nehmen Kurs auf den Ärmelkanal.

 

15.6

7.00 Uhr Wecken, das Waschen fällt mal wieder aus, diesmal, weil es kein Wasser mehr gibt. Gemütliches Frühstück, 8.30 Uhr Segelalarm. Unser Kapitän will eine Wende mit einem Rahsegler üben - das Schwierigste, was es gibt. Nachdem zweiten Versuch umrundet uns eine britische Fregatte. Wir erwecken bestimmt den Eindruck, als wären wir alle besoffen. Nach dem 3. missglückten Versuch um 11.15 Uhr verziehe ich mich unter Deck. Ich bin nass geschwitzt und muss mich umziehen. Das war Schwerstarbeit. Während des Mittagessens bekomme ich ein Fax von Heidi. Sie möchte mich in Wilhelmshaven abholen, ich bin begeistert. Am Nachmittag erholen wir uns von dem vormittäglichen Stress. Es gibt kaum noch Lesematerial an Bord. Die Nordsee ist voll von Schiffen, des öfteren ändern sie ihren Kurs, um uns zu betrachten. Zwei Passagierliner umrunden uns sogar. Abends noch ein Segelmanöver (brassen). Nun haben wir auch wieder Wasser aus einem Reservetank. Erste zaghafte Packversuche. Schauderhaft.

 

16.6.

Wecken und gemütliches Frühstück. Vormittags ein Segelmanöver. Ansonsten genießen wir das warme Sommerwetter. Nach dem Mittagessen werden alle Segel gesetzt. Wir laufen unter Vollzeug platt vor dem Wind in Richtung Wilhelmshaven. Das Essen wird übrigens immer schlechter. Begründung: Inmaris hat versäumt, der Schiffsführung mitzuteilen, dass die Nahrungsmittel auf Island etwa 2-3 mal so teuer sind wie bei uns. Die Folge davon war, dass wir auf Island nur Frischwasser aufnehmen konnten. Unser Essen besteht fast nur noch aus "Notproviant". Nachmittags genießen wir die Sonne, abends Sekt in der Bar und Vodka bei Sascha. 0.30 Uhr im Bett.

 

17.6.

2.00 Uhr Segelalarm. Es werden alle Segel geborgen. Das Schiff ist von ca. 15 Scheinwerfern mit je 500 Watt angestrahlt. Ein großartiges Bild. Irgend jemand hat danach noch eine Flasche Strohrum ausgegraben. Bis wir wieder in die Kojen kommen, ist es fast 4.00 Uhr. Um 7.00 Uhr Wecken. Wir liegen vor der Hafeneinfahrt von Wilhelmshaven und warten, dass wir in die Schleuse einfahren dürfen. Um 9.00 Uhr legen wir am Kai an. Begrüßt werden wir von Doris und Jan, sowie von Heidi.

Gegen 10.00 Uhr verlasse ich die Khersones.

Tagespositionen und Etmale von Amsterdam nach Island


Tag  Datum  Position  sm / 24 h  sm-Rest 
Sonntag  22.594  Amsterdam  1.200 
Montag  23.594  54°37,4' N 3°41,2' E  150  1.050 
Dienstag  24.594  55°52,4' N 2°17,7' E  103  955 
Mittwoch  25.594  57°43,3' N 0°50,9' W  170  805 
Donnerstag  26.594  59°41,6' N 3°31,2' W  167 
652 
Freitag  27.594  60°11,3' N 8°18,0' W  148  514 
Samstag  28.594  61°02,1' N 13°27,7' W  171  255 
Sonntag  29.594  61°00,0' N 19°19,9' W  171  285 
Montag  30.594  62°39,1' N 23°40,8' W  167  122 
Dienstag  31.594  23°51,2' N 25°53,0' W  164  21 
Mittwoch  1.694  Reykjavik  10